Tagebuch eines Rauchers auf Teilentzug

Sonntag 27.06.2004 Tagebuch eines Rauchers auf (Teil-)Entzug 1.1. Erster Tag nach Sylvester. Gestriger gefasster Vorsatz: Nie wieder Sargnägel! *heul*. Aber wegen lautem Herumposaunen vor den Kumpels heißt es ?Durchhalten?. Ich hielt es, bis auf einige Ausnahmen, den ganzen Tag durch; aber Ausnahmen bestätigen die Regel, also bestätigt mein kurzweiliges Vergessen der Prinzipien die Regel, dass ich in der Regel jetzt nicht mehr zum Rauchen verführenden, aber gesundheitlichen Stäbchen greifen werde. 2.1. Der Entzug ist echt hart. Um über Entzugserscheinungen hinwegzukommen, hab ich es gestern mit Alk probiert. Hat dann nach fünf Johnny Walkern auch funktioniert. Ans Zusein kann ich mich gar nicht mehr so recht erinnern. Alk zwar gutes Ablenkungsmanöver, doch verlockende Begegnung mit Ziggis im Traum. Beim Aufwachen verzweifeltes Heulen. 5.1. Vier Tage durchgehalten. Wollte es heut wieder mit Alk versuchen, da kein Abschwirren von Entzugserscheinungen. Alk zeigte jedoch keine Wirkung. Verlangen nach Zigarette war massiv wie ein Gebirge. Steckte mir 12 auf einmal an und schob sie gierig zwischen die Beißer. Fühlte mich echt wie eine Fabrik-Esse. Bettete mich später auf Zigaretten… 6.1. Nachts von Darth Vader geträumt. Lichtschwert-Duell. Hat mir die Hand abgehackt wie Luke Skywalker und gemeint, er wäre mein Vater. Stunden lang geheult darüber, dass die Hand ab ist, Lord Vader mein Vater ist, dann übers Suchtverhalten und Gene, die mir mangelndes Durchhaltevermögen bescherten. Als Ausgleich vier Johnny Walker hinter die Binde gekippt. Bis fast zum Koma. Hab mich mit Schreikrampf übergeben. 7.1. Bezeichnete mich 100 mal als Versager, bis ich glaubte, der größte Versager überhaupt zu sein. Abends so verzweifelt und orientierungslos, dass ich die Seife in der Küche vertilgte und mich mit Löcherkäse wusch. Den Gestank bemerkte nachts meine Frau und zog mit Bettzeug ins Wohnzimmer. Das Alleinsein, die Isolation, das ?Gemieden-Werden? machte mich noch depressiver. Die Sehnsucht nach Ziggis wuchs. 8.1. Entdeckte meinen Fehler: hätte Zigarettenschachteln alle entsorgen müssen! Wäre keine Verlockung da gewesen. Spüle sie das Klo hinunter, damit ich ja nicht in Versuchung gerate, abends in den Mülleimer zu kriechen und Packungen herauszufischen. Erst mal Erleichterung!!! Gegen Abend jedoch fast am Durchdrehen. Habe solche Hallus, dass ich meine Frau mit einer Zigarette verwechsele und ihr morgen den Friseur bezahlen darf. *schnief*. Frustration über Bewusstsein hinsichtlich ?Tiefgesunkenheit?. 11.1. Meine Frau schläft aus Angst vor Käsegeruch und Zigarettenverwechslung noch immer im Wohnzimmer. Habe Sexverbot, trinke mich jeden Abend tot und heule die halbe Nacht wie ein Kleinkind, das seinen Willen nicht kriegt. Sehe es schon kommen. Bald steht in der Bild: ?Selbstmord eines ?Ich-will-von-der-Zigarette-los-aber-schaff?s-nicht?-Versagers.? 15.1. Heute bei Nachbarn über Balkon eingebrochen. Entwendung mehrerer Zigarettenstangen. Kiosk und Automat zu weit… und ich zu schwach. Zuhause ordentliches Schloten… haaaa, Endorphine!!! Befriedigung der Sucht. Ich bin wieder ich! Hab mich später so vor mir selbst geekelt, dass ich den Spiegel zertrümmerte. Und Stunden langes Übergeben auf Knien. 20.1. Lieg nur noch im Bett. Träume nach erfolgreichen fünf Tagen nur noch von Glimmstängeln. Kontrollieren mein Denken. Werden zur fixen Idee. Wahnsinn ist nah. Heulen. Kann nicht mehr, will nicht mehr… Frau meidet mich immer noch. Womit habe ich das verdient??? 22.1. Rauche seit zwei Tagen wieder. Fühle mich elend. Oh Gott, morgen rücken die Kumpels an. Zur ?Du-rauchst-doch-wohl-nicht-vielleicht-doch-heimlich-zu-Hause?-Kontrolle. Oh Gott, wenn die die verpaffte Wohnung riechen. Verkroch mich für den Rest des Tages im tiefsten Loch und steckte mir eine nach der anderen an. Heulen tat ich auch 47 mal. Träumte nachts vom Geschlechtsverkehr mit Leia Organa. War besser als ich bei der Haarschnecken tragenden Jungfer gedacht hätte… 23.1. Kumpels klingelten um zwei. Gerade so mit Rauchen beschäftigt, dass ich nicht öffnete. Zur Feier des Tages (was für ne Feier???) extra ganz teure Ziggis erstanden. Abends mit Frau und Nachbarn am Lagerfeuer. Warf alle Suchtverführer in die Flammen. Fühlte mich cool und stark dabei ? wie ein Erfolgsmensch. Habs geschafft, meine geliebten Ziggis zu verbrennen ohne selbst beteiligt zu sein. Mein Nachbar verdächtigt immer noch seine Frau. Ihm waren wohl fünf Marlboro Stangen geklaut worden. Ich schämte mich in Grund und Boden!!! 1.2. Yummy, hab seit acht Tage keine mehr zwischen den Zähnen gehabt. Platze zwar vor Stolz, bin aber nur noch depri und bockig wie 2-jähriger. Frau ausgezogen, Kumpels abgewendet, Kündigungsdrohung vom Chef… und ich drohte mir selbst wieder anzufangen, falls ich mich nicht besserte. 3.2. Am wahnsinnig werden! 20 kg angesetzt (der Alk ist Schuld!!!), keine Frau, keine Freunde und keinen Chef mehr! Arges Verzehren nach den süßen Tabakstimulanten. 4.2. Am Hadern: Fang ich?s Rauchen wieder an oder nicht? Wenn ja: alles wieder beim Alten! Ich wollte aber nicht wieder. 1. war vorher eher zu mager. 2. Frau eh doof. 3. Kumpels eh nur am Rauchen und Saufen, quasi doof 4. Job bei Zigaretten produzierenden und zur Laster verführenden Fabrik auch doof. 5.2. War bei Therapeut. Komischer Kauz. Nett, aber Raucher! Keine große Hilfe. Riet mir aber trotzdem beim ?Ohne Rauch geht?s auch? zu bleiben. Wieso wollte der eigentlich die Handynummer meiner Frau??? 6.2. Heute erste Sitzung bei Selbsthilfegruppe. ?Die anonymen Raucher?. Danach mit nem Selbsthilfegruppe-Bruder in der Kneipe, einen zechen bis zum Delirium. Kenne Namen nicht, da Gruppe anonym. Trotzdem lustiger Kerl. Aus Frust über Arbeitslosigkeit, Fettleibigkeit, Scheidung und Außenseitertum kurz davor, den Zigarettenautomat neben der Kneipe zu knacken. Entschieden uns um und brachen in Kiosk um die Ecke ein. 7.2. Aufwachen in Knastzelle. Man erzählte, Selbsthilfegruppe-Bruder und ich seien in Kiosk eingebrochen. War fassungslos. Keine Erinnerung mehr. Wohl zu viel in der Birne! Wegen unserer vier Promille intus ist es nicht zum Diebstahl gekommen. Lagen bewusstlos in unserem Urin. Somit kein Verknacken. *jubel*. Mied von da ab alle Selbsthilfegruppen, Kneipen, Zigarettenautomaten und Kiosks. 15.2. ?Nicht-Rauchen? bis heut Morgen durchgehalten. War eine Frust-Schachtel. Später bei Frau und Kumpels. Will mich aber keiner zurück. Beschloss den nächsten Entzug. Abends Frustsaufen, allein. Danach zu ?Hells Bells? in der Bude rumgeeiert, gegrölt, gelacht, animalische Geräusche von mir gegeben. Ganze Nacht vom Koitus mit Königin Amidala geträumt. Der mit Leia Organa war, glaube ich, besser, aber was bringt?s Gejammer! 16.2. Heut auf Jobsuche. Partnersuche wäre auch nicht schlecht. Habe meine Oltsch mit meinem Ex-Boss von Kippen-Fabrik techtelmechteln sehen. Komisch, den nimmst sie, mich nicht. Hmmm, stimmt, der ist ja auch Kettenraucher! Wäre?n Argument. 20.2. Hab?s mit Rauch-Abstinenz wieder länger durchgehalten. *Stolz-sei*. Alk als Überbrückung. Sogar während neuem Job in Alk-Fabrik. Sofort gefeuert. Nanu, fabrizieren sie den Fusel, aber ihn trinken ist untersagt. Verkehrte Welt! 21.2. Bin hochgradig depressiv. Keine Alte mehr, Kumpels hassen ?Nicht-Raucher? und Firmen scheinbar auch… und gegen ?am-Arbeitsplatz-Alk-trinkende? haben die auch alles was. Wegen Straßendemo ?Wieso sind Nichtraucher und Alkis so verpönt? in Psychiatrie eingeliefert. Die Leute waren sehr nett, bloß die Zwangsjacke ein wenig unbequem, aber der Mensch gewöhnt sich an alles. 1.3. Aus Anstalt entlassen. Schade, so gutes Essen und so liebe Menschen. Keiner hatte was gegen Raucher! Fand den einen, der nur zwei Sätze kannte ?Ich mag Raucher? und ?Gebt mir Zigaretten? am nettesten. Konnte mich identifizieren. Zuhause Leere, draußen Trübnis. Ach so, Gerichtsvollzieher war da und Plastik hing vor dem Fenster. Am Boden zerstört. Im Briefkasten Mahnungen. Schulden über Schulden! Kein Wunder, dass Frau weg ist. 2.3. Von zu Hause ausgezogen (zwangsweise). Lebe jetzt auf ner Parkbank. Ist ganz nett, manchmal nur halt?n bisschen unbequem und kalt ? aber immer gute Unterhaltung und Alk und Stäbchen gibt?s auch frei Haus. Ach, das Leben ist schön! 4.3. Frau gesehen ? mit Ziesen-Fabrik-Boss. Sie raucht jetzt auch! Stellte fest, dass ich sie immer noch lieb. Besonders weil sie jetzt auch raucht. Hat mich aber früher nie zum Aufhören ermuntert. Toleranz herrschte vor. 6.3. Sinnloses Gehen durch die Stadt. Müde, resigniert, schwermütig. Entdeckte Plakat. ?Rauchen gefährdet die Gesundheit?. Starrte 20 Minuten zu dem Bildchen mit der Schrift. Fesselte mich irgendwie. Hat ja auch irgendwo Recht. Gewissensbisse nahmen mich fest. Schmiss meine noch übrig gebliebenen Schachteln in den Müll. Freudig über neue Stärke! Hatte aber abends so ein Verlangen. Suchte und suchte! Gott, wo hatte ich die vermaledeite Schachtel bloß reingeworfen? So viele Ascheimer kann?s doch in Hamburg gar nicht geben! 7.3. Erinnerung kam in der Früh zurück. Fand Eimer, jedoch ohne Müll ? längst entleert! Sank neben den Müllschlucker, flennte, trat um mich und pöbelte die Leute an, ganz zu schweigen von meiner Bettellage, die irgendwann Erfolg zeigte. Irgendwer hatte irgendwelches Erbarmen und warf mir irgendeine Zigarette vor die Füße. Überraschtes Aufblicken, freudiges Strahlen, beschämtes Danke, gieriges Inhalieren. Oh Gott, ich bin wieder auf Ziggi!!! Fühlte mich befriedigt, aber dreckig. 8.3. Zufall hatte mir eine unangebrochene Stäbchen-Schachtel beschert. *jauchz*… bin niedergeschlagen. Versuch jetzt seit drei Monaten von der Zigarette runterzukommen. Und, was ist dabei rausgekommen? Kein Job mehr, keine Bude mehr, kein Weib mehr, keine Kumpels mehr. Na ja, bin wieder dünner! Oh Gott, was war nur aus mir geworden??? Konnte man tiefer sinken? Ich wollte das alles nicht mehr. Der Zigaretten-Entzug hatte mein ganzes Leben umgekrempelt… nein, zerstört! 20.3. Hänge immer noch auf der Straße. Eigentlich gefällt?s mir nicht, aber ohne Geld und ohne Connections? Schaue abgemergelt aus. Komme kaum noch an Sargnägel und Alk. Bin total arm dran. Konnte mir nicht mal was zum Futtern erlauben! Bereute Entzug. Bereute mein Leben! 21.3. War so geschwächt, dass ich zusammenbrach. Ins Krankenhaus verfrachtet. Fühlte mich schon wieder besser, aber?s gefiel mir hier recht gut. Nur?n bisschen viel Kranke um mich rum. Aber besser als draußen am Frieren und Hungern. Bloß hier gab mir ja auch keiner Ziggis oder Alk. Was machte ich da nur? Vielleicht ne Flucht? Nee, gefiel mir auch nicht. Eigentlich wollte ich nur noch nach Hause. Altes Leben zurück haben. Frau, Kumpels, sogar die doofe Arbeit in der Zigarettenfabrik, mit dem blöden Spaten, der mir meine Frau ausgespannt hat… 1.4. Schlief wieder im Park, rauchte, betrank mich und schloss Freundschaft mit?n paar Pennern. Hatte mich über die blöden Kiddys ziemlich geärgert, die meinten, ich gehörte dazu. Als ich drüber nachdachte, kreischte ich los: Herrje, ich war?n Penner! Ein stinkender, sabbernder, rauchender und Alk trinkender Penner, der nachts auf Parkbänken pennt und… ich weiß nicht mehr weiter. Wo war die nächste Brücke??? 3.4. Mir ging?s wieder besser. Hauste zwar immer noch im Park, hatte jetzt aber Kumpels, die mich mit allem versorgten, was ich brauchte. Ziggys und Alk. Ich war ja bescheiden, wobei ich gegen ne große Villa, ne tolle Frau etc. natürlich nichts einzuwenden gehabt hätte. Aber das war alles einmal. Jetzt gehörte ich zu dem Schlag, den ich früher Abschaum schalt! Verstand die Welt nicht mehr. Hatte doch mal studiert. War dann aber immer mehr gesunken. Erst die Frau, dann der bekloppte Job, dann die Verlierer-Kumpels und zum Schluss der verdammte Entzug, der mein Leben erstrecht ruinierte. Alles war den Bach runtergegangen… 4.4. Langsam keimte Langeweile auf. Fühlte mich von der Welt abgeschottet. Leute auf der Straße mieden mich. Blickten mich blöd an oder brachten auch mal Sprüche. Wie sollte je wieder ne Integration stattfinden? Ich warf mich auf den Bürgersteig, presste den Kopf auf den harten Stein und heulte, bis jemand seinen Arm um mich legte. Mir wurde schwarz vor Augen. 6.4. Wachte nach zwei Tagen im Krankenhaus wieder auf. Neben mir Schläuche und Geräte. Irgendwo kauerte meine Oltsch und rotzte in ihr Taschentuch. Und das auf nüchternem Magen. Meinte, dass es ihr leid tue, sie für Ziggi-Chef nix empfinden und mich noch immer lieben würde. War so überwältigt und so blind vor Liebe, dass ich ihr alles verzieh. Freude, Zufriedenheit – alles wieder beim Alten. 12.4. Entlassung aus?m Spital. Weib holte mich ab. Begrüßungskuss. Nette Worte. Einhaken. Es ging wieder bergauf. Wir machten zusammen nen Zigarettenentzug, eröffneten nen Kiosk und ne Kneipe, klinkten uns bei der Selbsthilfegruppe ?Die anonymen Raucher? ein und therapierten quasi mit und kauften uns jede Menge Alk… wegen Flucht vor der Realität…. äh, Rauchen!

(bisher nicht bewertet)
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2 Comments on Tagebuch eines Rauchers auf Teilentzug

  1. Nadine Richters // 2. Juni 2015 um 23:10 //

    Ich bin faktisch die Autorin dieses Textes. Schade, dass das nirgends mehr angegeben wird.

  2. Hallo Nadine, die Texte kursieren hin und her im Internet und werden hier und dort angefügt. Es ist kaum feststellbar, welchen Ursprung diese haben. Daher gehen die Infos verloren. Es freut mich, dass sich der tatsächliche Autor hier meldet …

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